Corona Pandemie | „Ideen für die Zeit danach“ #10

Stadt-Umland Wanderungen im Rhein-Main Gebiet in der Folge von Corona


Ein Beitrag von Lorenz Rautenstrauch 

Im Folgenden geht es um die Frage, ob sich in der Folge der Corona Pandemie die Wohnstandortpräferenzen und damit die Stadt-Umland-Wanderungen in einem prosperierenden Ballungsraum wie Rhein-Main tendenziell zugunsten von Gemeinden im Umland ändern könnten – und dies vielleicht mit der Folge, dass Großstädte wie Frankfurt, Offenbach und Darmstadt entlastet werden.

In der Corona Sonderveröffentlichung des Difu wird unter anderem auch diese Frage – natürlich ohne speziellen Bezug auf Rhein-Main – diskutiert. Der Difu-Verfasser kommt dort zu dem Schluss, dass die Präferenzen, die für die Stadt-Umlandwanderungen bisher galten in einzelnen Aspekten allenfalls relativiert werden und dies auch Auswirkungen auf Stadt- Umlandwanderungen haben dürfte. Aber an der Grundstruktur des Wohnungsmarktes in den Großstädten – so das Fazit – werde sich nichts ändern. Es werde weiterhin vor allem eine Unterversorgung an Mietwohnungen für untere, und – so meinen die Autoren – auch für mittlere Einkommen geben.

Aus meiner Sicht kann man auch zu einem anderen Schluss kommen – zumindest für das Rhein-Maingebiet. Dazu die folgenden Argumente:

Erster Punkt
Die Ausschlag gebenden Faktoren für einen unverändert weiter bestehenden Drang in die Stadt sind gemäß Difu die sogenannten „Agglomerationsvorteile“ der Stadt. Die Sehnsucht nach diesen städtischen Qualitäten und Angeboten dürfte, so meint der Autor, bei vielen Menschen durch die Erfahrung des Verzichts nicht kleiner sonder größer geworden sein.
Das leuchtet ein. Aber das spricht im Rhein-Main Gebiet nicht unbedingt gegen die Umlandwanderung.
Die Rhein-Main Region ist polyzentrisch, die Agglomerationsvorteile konzentrieren sich also nicht ausschließlich auf eine, sondern mehrere Großstädte. Und vor allem gibt es darüber hinaus im Umland noch eine ganze Reihe von weiteren kleinen Städten, deren Attraktivität nicht nur in den niedrigeren Wohnkosten besteht, sondern die mehr oder weniger ausgeprägt urbane Qualitäten haben. Das Problem ist hier, dass einige dieser attraktiven Städte im Umland der Zuwanderung skeptisch gegenüberstehen und bei der Baulandausweisung zögern. Die Frankfurter sollen zu Hause bleiben.

Ein zweiter Punkt
in Sachen „Agglomerationsvorteile“ wird im Difu-Beitrag gar nicht angesprochen. Die durch die Corona-Krise beförderte Digitalisierung relativiert manche dieser Vorteile. Dank Online- Handel können die Leute irgendwo wohnen und sich versorgen. Man muss auch für gehobene Güter nicht mehr in die Stadt zum Einkaufen gehen. Herr von Lüpke und andere Mitglieder der Landesgruppe haben in ihren Papieren auf diese fatalen Entwicklungen hingewiesen. Dabei könnte man noch ergänzen, dass als Folge der sinkenden Pendlerzahlen auch weniger Pendler-abhängige Dienstleistungen in den Zentren nachgefragt werden. London ist da ein Menetekel. Und wenn die Ärzte Online-Sprechstunden anbieten und ebenso die Finanzberater und Advokaten und andere Dienstleister Online-Beratungen anbieten, dann werden auch solche Agglomerationsvorteile der Stadt zumindest relativiert.

Dritter Punkt
Im Difu-Bericht wird eine Corona bedingte mögliche Präferenz-Verschiebung zu Gunsten ländlicher Kommunen im Sinne von mehr Platz, mehr Garten, weniger Ansteckungsgefahr wegen geringerer Dichte – als bloße, nicht durch Zahlen belegte Vermutung abqualifiziert. In der Tat: das sind bisher nur Vermutungen. Aber sie gewinnen an Plausibilität, weil man als Gründe für Verhaltensänderungen Faktoren wie den Klimawandel, Umweltbelastungen und den Wunsch, Naturkreisläufe, das Pflanzen, Wachsen, Ernten wieder zu spüren, einbeziehen muss. Wenn die Zahl der Tropennächte in der Stadt rapide zunimmt und dem „urban gardening“ aus Platzmangel enge Grenzen gesetzt sind, und wenn die Städte nicht so schnell umgebaut werden können, dann könnte die Lust aufs Land in den nächsten Jahren schon befördert werden. In Frankreich wundert sich der Minister, dass er in Nullkommanichts 200.000 Stadtbewohner als Ernthelfer aktivieren konnte und die Zeitung Le Monde macht einen neuen „Traum vom Landleben“ aus – und die Corona geschürte „Erkenntnis, dass die Zukunft eher auf dem Land als in der Stadt liegt.“ Die Bevölkerungsabnahme von Paris aufs Land bewegt sich in Millionenhöhe.

Vierter Punkt
Die Umstellung auf Home-Office ist der einzige Faktor, dem in Sachen „Verschiebung der Wohnpräferenzen“ im Difu-Bericht maßgebliches Gewicht eingeräumt wird. Ich möchte für das Rhein-Main Gebiet betonen, dass gerade dieser Faktor aus meiner Sicht kaum zu überschätzen ist. Die Immobilienwirtschaft weist darauf hin, dass Home-Office vor allem bei Büroarbeitsplätzen zum tragen kommt und die machen in den hiesigen Kernstädten einen großen Anteil aus. Und es gibt sicher viele Unternehmen, die die Chance sehen, auf diese Weise ihre Kosten für Büroarbeitsplätze zu senken. Frankfurt gilt immer noch als Bankenstadt. Viele davon florieren nicht sonderlich. Sie haben allen Grund Home-Office zu fördern.
Damit wird m. E. gerade im Rhein-Main Gebiet die Bereitschaft, im Umland, auch in einem erweiterten und vor allem einem S-Bahn erschlossenen Umland, nach Wohnmöglichkeiten zu suchen, erheblich befördert.

Darmstadt, September 2020

14. Oktober 2020 von Anke Kochenburger
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