Corona-Pandemie | „Ideen für die Zeit danach“ #4

Wohnungspolitische Herausforderungen der Corona-Krise


Ein Beitrag von Dr. Monika Meyer

Derzeit werden allerorts die Auswirkungen der Corona-Pandemie auf die verschiedenen Bereiche unseres Lebens diskutiert. Im IWU interessieren wir uns dafür, welche Effekte die Pandemie auf die Wohnungsmärkte haben wird. Dazu seien hier skizzenhaft1) einige Betrachtungen vorgestellt:

  1. Auf kurze Sicht können die Corona-bedingten wirtschaftlichen Rezessionen zu Einnahmeausfällen bei Arbeitnehmerhaushalten, Selbständigen und Freiberuflern führen. Dadurch sind sowohl Mietzahlungen als auch die Mittel zur Bedienung von Hypothekendarlehen gefährdet. Staatliche Sofortmaßnahmen wie die Einschränkung des Kündigungsrechts der Vermieterseite oder die mögliche Stundung von Mietzahlungen bis Mitte 2022 entlasten die Mieter.
    Knapp zwei Drittel der vermieteten Wohnungen befinden sich in privater Hand. Da wiederum fast 60 % der Privatvermieter über nur ein einziges Objekt verfügen, können unter Umständen die gesamten Mieteinnahmen wegfallen, was die ohnehin bedrohten Selbständigen bei einem Anteil von 16 % der Privatvermieter besonders trifft.
  2. Durch die Niedrigzinspolitik wurde der Erwerb eines Eigenheims oder einer Wohnung für viele Menschen zur bevorzugten Geldanlage und darüber hinaus auch durch staatliche Förderungen begünstigt. Krisenbedingte Einkommenseinbußen können zu finanziellen Schieflagen führen. Allerdings sind die meisten Finanzierungen in Deutschland solide ausgestattet und es gibt verschiedenen Möglichkeiten für die Hauseigentümer, sich in Absprache mit ihren Kreditgebern finanziell zu entlasten.
  3. Sonderregelungen im Sozialschutz-Paket von 2020 wie das Entfallen der Vermögensprüfung oder volle Übernahme der Unterkunftskosten für die ersten 6 Monate sollen für diejenigen Bevölkerungskreise, die massive Einkommensverluste hinnehmen müssen, unbürokratische und schnelle Entlastungen bringen.
  4. Da seit geraumer Zeit die Bestände an Sozialwohnungen bei weitem den Bedarf nicht decken konnten, können krisenbetroffene Haushalte kaum mit günstigem Wohnraum versorgt werden. Weiterhin sollten seitens des Gesetzgebers weitere temporäre Regelungen bei der zeitweiligen Absicherung des Wohnens eingeführt werden.
  5. Die mittel- bis langfristige Marktentwicklung auf dem deutschen Wohnungsmarkt hängt deutlich von der wirtschaftlichen Entwicklung im In- und Ausland ab. Die Nachfrage nach Wohnraum wird getrieben von der Außenwanderung, die ihrerseits eng mit den wirtschaftlichen Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt in Deutschland und den Arbeitsmärkten der (europäischen) Herkunftsländer verbunden ist. Vor allem sind hier gut ausgebildete, teils über einen akad. Abschluss verfügende Arbeitnehmer/-innen gemeint.
  6. In den Ballungsräumen hat die Wohninfrastruktur in der letzten Dekade einen hohen Auslastungsgrad erreicht. Bei einer Rezession durch die Corona-Krise, die zu einer Phase geringerer Zuwanderung führen dürfte, ist es denkbar, dass wegen der schwächeren Nachfrage die Erstvermietungspreise in Großstädten um ca. 30 % bis 40 % gegenüber den Spitzenniveaus zurückgehen. Dieses bedeutet zunächst eine Entspannung auf dem Wohnungsmarkt und die Möglichkeit für eine insgesamt effizientere Auslastung der Wohninfrastruktur durch eine Belebung der innergemeindlichen Umzugstätigkeit ortsansässiger Haushalte.
  7. Mittelfristig können die Baufertigstellungszahlen aufgrund anhaltender Einschränkungen im grenzüberschreitenden Baumaterial- und Arbeitskräfteverkehr zurückgehen.
  8. Auch langfristig bleibt der Wohnungsmarkt abhängig von der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung. Je schneller sich die deutsche Wirtschaft erholt, desto schneller dürfte die ausländische Nachfrage nach Arbeitsplätzen, damit Zuwanderung und somit Nachfrage nach Wohnraum wieder ansteigen. Eine anhaltende Unsicherheit könnte zu Verschiebungen und Stornierungen von Bauvorhaben führen und das Angebot an Wohnraum deutlich mindern.
  9. Die Auswirkungen auf die Preisstabilität und Finanzierung erscheinen weniger gravierend, da zunächst eine solide Abdeckung der Finanzierung im Bankensektor angenommen werden kann. Es sind auch keine schwerwiegenden Folgen für das Konsum- und Finanzierungsverhalten der Haushalte wegen sinkender Preisniveaus der Immobilien zu erwarten, da in Deutschland Immobilien traditionell langfristig gehalten werden. Mit einer wie oben skizzierten geringeren Neubautätigkeit besteht auch wenig Gefahr eines spekulativen Überangebots. Gleichwohl können Zwangsversteigerungen nicht ausgeschlossen werden.
  10. Im niedrigpreisigen Wohnungssegment und im geförderten Wohnungsbau wird sich vermutlich die Nachfrage weiter erhöhen. Die zunehmende Zahl zu unterstützender Haushalte mit Transferleistungen wird die Kassen der öffentlichen Hand zusätzlich stärker und länger belasten.

Mit Blick auf die möglichen Folgen der Corona-Krise ist die Wohnungspolitik gut beraten, ihre Wohnbauaktivitäten zu stabilisieren, sogar antizyklisch auszurichten, um die langfristigen Wohnungsbedarfe bei wiederauflebender Wirtschaftstätigkeit und Zuwanderung decken zu können.

Darmstadt, 02. Juni 2020

 

15. Juli 2020 von Anke Kochenburger
Kategorien: Corona-Pandemie, Diskussion, Wohnen | 1 Kommentar

1 Kommentar

  1. Mit Interesse habe ich diesen guten Beitrag gelesen!

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