Corona-Pandemie | „Ideen für die Zeit danach“ #6

Eine neue Normalität der Mobilität


Ein Beitrag von Prof. Dr. Hartmut Topp

Weniger Autoverkehr in Corona-Zeiten nutzen Städte für die Umverteilung von Straßenfläche zugunsten des Radverkehrs. Bogotá hat über 100 km Hauptverkehrsstraßen tagsüber kom- plett für Kfz-Verkehr gesperrt und für Radverkehr freigegeben – mit großem Erfolg, wie die Zunahmen des Radverkehrs zeigen. In der Schweiz hat die Tagesdistanz mit dem Velo um bis zu 100 % zugenommen (ETH Zürich/Uni Basel). Berlin und andere Städte richten Pop-up- Bike-Lanes (Corona-Radwege mit Abstand) ein – Autospuren werden mit Klebeband und Ba- ken zu Fahrradstreifen (siehe Bilder aus Paris, Berlin und Kiel). In Berlin handelt es sich dabei um neue wie auch um ohnehin geplante Maßnahmen – und plötzlich geht alles sehr schnell, was sonst oft Jahre braucht. Pop-up wird nach der Krise dauerhaft. Ein Beitrag zur Mobilitäts- wende? Hoffentlich!

Die Krise fördert zudem die Digitalisierung, insbesondere auch die der Mobilität. Viele machen zurzeit gute Erfahrung mit Telearbeit, Video-Konferenzen, Webinaren, Telemedizin … – Man- che zum ersten Mal. Und was ist mit Güterverkehr und Logistik? Just-in-time und globale Lie- ferketten haben sich als verletzlich erwiesen; ortsnahe Produktion und Lagerhaltung mit weni- ger Verkehr sind verlässlicher und nachhaltiger.

Skeptiker meinen, die Angst vor Ansteckung im ÖV führe zu mehr Autoverkehr, und die Auto- industrie jammert für eine neue Abwrackprämie. Alles wie gehabt? Nein, wir brauchen jetzt politische Setzungen: Förderung der digitalen Mobilität, Kostenwahrheit im Verkehr, ein Recht auf Home Office oder Co-Working, wo immer es möglich ist, Mobilitätsgipfel der Regierung statt Autogipfel, Mobilitätsprämie für Alle statt Autoprämie, die krisenbedingte Zunahme des Radverkehrs langfristig sichern durch Parkraummanagement (z. B. Radstreifen statt Parkstrei- fen) und Tempolimits (T30 als Regellimit in der Stadt), der ÖV braucht finanzielle Hilfe, er wird sich erholen und muss weiter ausgebaut werden.

Corona hat den Klimawandel medial überschattet – aber Corona ist auch eine Chance für die Mobilitätswende, wenn es gelingt, die neuen Erfahrungen dauerhaft umzusetzen. Eine neue, nachhaltige Normalität der Mobilität braucht uns alle und die Unterstützung durch die Politik für saubere Luft, weniger CO2 und lebenswerte Städte.

Kaiserslautern, 26. Mai 2020

15. Juli 2020 von Anke Kochenburger
Kategorien: Corona-Pandemie, Diskussion, Verkehr und Mobilität | Schreibe einen Kommentar

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