Corona-Pandemie | „Ideen für die Zeit danach“ #7

Die Post-Corona-Stadt: suffizient, sensibel, sozial?


Ein Beitrag von Dr. Elena Wiezorek

Noch Ende 2019 lebten wir in einer vermeintlich sicheren und behüteten Welt: Hunger, Elend und Kriege schienen weit genug entfernt, um unser Alltagsleben mit überbordendem Konsum bei vollen Supermarktregalen und politischem Klein-Klein in Tageszeitungen nicht zu gefährden. Die scheinbar drängendste Frage war, wie wir die negativen Umweltfolgen unserer Wachstumsgesellschaft in den Griff bekommen. Bündnis90/Die Grünen schienen – im Geleitzug der Fridays-for-Future-Bewegung – mit der Abkehr vom hemmungslosen Konsum und der stärkeren Gewichtung einer ausgewogenen und nachhaltig wirtschaftenden Gesellschaft den nächsten Kanzler stellen zu können. Natürlich auf angenehm ho-hem Wohlstandsniveau. Alles schien seine Norm und ein bestimmtes, kalkulierbares Gewicht zu haben. Eine Gesellschaft in Sicherheit und Überfluss.

Und heute?

Die Sicherheit der Prä-Corona-Gesellschaft ist in Frage gestellt. Die mittels staatlicher Verordnungen temporär vorgenommenen Einschränkungen hinterlassen bleibende Eindrücke:

  • Die verordnete räumliche Distanzierung verdeutlichte, wie stark wir aufeinander angewiesen sind. Der Entzug zeigte, dass unser Alltag durch soziale Vernetzung und lokale Verankerung geprägt ist.
  • Die Kontaktbeschränkungen erzeugten menschenleere Straßen und Plätze. Nahezu gespenstisch leere öffentliche Räume erinnerten uns daran, dass unsere Stadtgesellschaft durch ein lebendiges öffentliches Leben geprägt ist.
  • Die temporäre Schließung von Geschäften, Gastronomien und Kultureinrichtungen führte uns vor Augen, dass nicht nur unser individueller Alltag durch diese Angebote, sondern auch das gesell- schaftliche Leben durch zahlreiche lokale Kulturen und Ökonomien geprägt ist.

Außerdem:

  • Der stark zurückgehende Individualverkehr ermöglichte Radfahrern eine großzügigere Raumnut- zung, gab Natur und Tierreich Lebensraum zurück. Die Verbesserung der Luftreinheit und die Re- duzierung von Lärm, die Entschleunigung des Alltags und einer ganzen Stadtgesellschaft hinter- lässt ein bleibendes Gefühl, wie angenehm das Leben in unseren Innenstädten sein könnte.

In Folge der eindrücklichen Maßnahmen und deren Auswirkungen reden derzeit alle nur noch über die Folgen von Corona und aktuell nicht mehr über den Klimawandel. Welche Themen haben aber auch nach der Corona-Pandemie Bestand bzw. werden durch sie beeinflusst? Thesen dazu:

  • Die Corona-Pandemie verdeutlicht, dass die Gesundheit und damit das Recht auf eine intakte Umwelt als höchstes Gut einzustufen ist. Eine klimagerechte Stadtentwicklung gehört mittels konkreter Programme und Fördermaßnahmen ganz oben auf die politische Agenda.
  • Noch nie war das Leben in der Stadt unter Hygienegesichtspunkten so lebenswert wie heute. Hohe technologische und infrastrukturelle Standards prägen den städtischen Alltag, Stadtplanung und Architektur haben in der Vergangenheit ihren Beitrag zur Verbesserung geleistet. Sie sollten angesichts der Corona-Pandemie unter dem Leitbild einer „gesunden Stadt“ ihren Beitrag verdeutlichen.
  • Das flächensparende Planen ist wichtiger denn je. Statt mehr Wohnfläche aufgrund gestiegener Anforderungen an das Wohnen, sollten neue Qualitäten für den öffentlichen Raum diskutiert wer- den.
  • Das suffiziente Planen und Bauen sollte Maxime bleiben. Nicht der zusätzliche Raum für das Homeoffice, sondern flexible Raumnutzungskonzepte sollten Gegenstand experimenteller Überlegungen sein.
  • Die größere Unsicherheit im Handeln stärkt das Gemeinwesen und damit die Kooperationsbereit- schaft. Eine größere Aufmerksamkeit für lokale Qualitäten bietet die Chance, die klimaneutrale Stadt als Stadt des Gemeinwesens in einen neuen gesellschaftlichen Diskurs einzubetten.

Erste Handlungsansätze:

Debatten über planungsrechtliche Steuerung: Verdichtung vs. Qualitäten im öffentlichen Raum? Projekte: z.B. Veränderung der Verkehrsflächen zugunsten des Rades (Pop-up wird dauerhaft) Förderung von: z.B. Kleinräumige Statistiken zu Klimadaten, nachhaltiger Wirtschaftsstrukturen, Kreislaufwirtschaft

Mainz, 15. Juni 2020 

15. Juli 2020 von Anke Kochenburger
Kategorien: Corona-Pandemie, Diskussion | Schreibe einen Kommentar

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