Nachlese: Corona-Pandemie | „Ideen für die Zeit danach“

Die Post-Corona-Stadt – Was folgt aus der Pandemie?

DASL-digital-Dialog der Landesgruppe Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland am 4.9.2020

Die „große Unterbrechung“ infolge der Corona-Pandemie und weiterführende Schutzmaßnahmen stellten und stellen tiefgreifende Veränderungen der Arbeit und des Lebens auch in Deutschland dar. Der Vorstand der Landesgruppe hatte daher im April dieses Jahres alle Mitglieder eingeladen, neue Beobachtungen und Bewertungen der Entwicklung der Städte und Regionen und mögliche Konsequenzen für die Stadt- und Regionalplanung in kurzen Texten mitzuteilen. Ergebnis waren insgesamt neun unterschiedliche Beiträge zur „Post-Corona-Stadt“, die veröffentlicht wurden und den inhaltlichen Hintergrund des 3. DASL-digital-Dialogs der Landesgruppe bildeten. Die Videokonferenz am 4. September 2020 fokussierte sich auf einen Beitrag von Anja Bierwirth vom Wuppertal Institut, der von Dierk Hausmann, Dieter v.Lüpke, Monika Meyer und Peter Sturm aus der DASL-Landesgruppe kommentiert und ergänzt wurde.

Die Welt nach Corona wird nicht die gleiche wie die Welt vor Corona sein. Der Virus und die zugehörigen Schutzmaßnahmen dynamisieren zum Teil bestehende Entwicklungen, zum Teil konterkarieren sie diese aber auch. Die Auswirkungen der Pandemie besitzen mehrere Dimensionen: essentielle ökonomische, ökologische und soziale Faktoren werden verändert. Auch wenn einige Trends bei den Beobachtern positive Erwartungen wecken: die Entwicklung der Städte und Regionen führt keineswegs selbstverständlich zu einer besseren Zukunft – sie bedarf vielmehr der kritischen Bewertung, politischer Eingriffe und politischer Steuerung durch Veränderung der Rahmenbedingungen. Dabei müssen die Herausforderungen des Klimaschutzes und der Klimaanpassung mitgedacht werden. Nachdem diese Probleme zeitweise hinter die Auseinandersetzung mit der Pandemie zurücktraten, werden sie zunehmend wieder die öffentliche Aufmerksamkeit gewinnen, die ihnen gebührt.

Aus den Beiträgen des 3. DASL-digital-Dialogs seien folgende Themen hervorgehoben:

  • Die sich abzeichnende wirtschaftliche Schwäche vieler deutscher Branchen könnte die Zuwanderung aus europäischen Nachbarländern verringern. In der Folge könnten sich die Wohnungsmärkte der wachsenden Regionen entspannen. Zugleich aber wird sich die Einkommenssituation vieler Haushalte verschlechtern. Eine aktive Wohnungsbaupolitik mit dem Blick auf preiswerte Mietwohnungen bleibt daher unverändert ein zentrales Anliegen.Eine Veränderung der Präferenzen der Wohnstandorte ist indes nicht auszuschließen. Ein grünes Wohnumfeld ist nicht nur in Phasen der Quarantäne willkommen, sondern könnte für manche Haushalte im Sinne der Gesundheitsvorsorge und Naherholung an Bedeutung gewinnen – gerade auch bei steigenden Temperaturen. Verliert die dicht bebaute „Stadt der kurzen Wege“ an Wertschätzung? Und wenn ja: sollte dem politisch entgegen gewirkt werden?
  • Die Pandemie beweist Alltägliche Wege von und zum Arbeitsplatz ebenso wie Geschäftsreisen können in großem Umfang durch „Home-office“ und digitale Kommunikation ersetzt werden. Fernreisen zu weit entfernten Urlaubszielen können durch Besuche benachbarter Sport- und Parkanlagen, heimischer Landschaftsschutzgebiete und nahe gelegener Ausflugsgaststätten zumindest teilweise substituiert werden.Widersprüchlich dagegen sind die Auswirkungen auf die Verkehrsmittelwahl. Während im Nahverkehr das Fahrrad an Akzeptanz weiter gewann, verloren öffentliche Verkehrsmittel Kunden. Im Fernverkehr verringerten sich die Zahlen der Fluggäste und Bahnkunden drastisch. Das Auto dagegen wurde zum rollenden Schutzschild gegen die Corona-Viren – mit entsprechender Zunahme seiner Nutzung. Im Sinne einer klimagerechten „Verkehrswende“ werden daher steuernde Eingriffe auch in Zukunft große Bedeutung haben. „Pop-up-bike-lanes“ zeigen beispielhaft, wie schneller und flexibler gehandelt werden kann.
  • Abstandsgebote beschleunigen die seit längerer Zeit zu beobachtende Abwendung vom stationären Einzelhandel und die Zuwendung zum Online-Handel dramatisch. Damit wird nicht nur die wirtschaftliche Existenz vieler Einzelhändler und ihrer Angestellten bedroht. Zugleich gehen soziale Wohlfahrtswirkungen des traditionellen Einzelhandels verloren. Auch wenn einige Beobachter die brach fallenden Ladenflächen als Potenzial für neue Initiativen sehen: Viel spricht für regulierende Eingriffe der öffentlichen Hand, um Liefervorgänge des online-Handels zu verteuern und zugleich Finanzmittel für die Stützung der gewachsenen Einzelhandelszentren zu gewinnen. Als zukunftsträchtig und daher förderungswürdig erscheint unter anderem die Möglichkeit der Internet-Bestellung von Waren, die anschließend in stationären Läden vom Besteller abgeholt werden.
  • Im Zuge der Digitalisierung vieler Arbeits- und Handelsprozesse werden in großem Umfang Flächen frei: Insbesondere Flächen des Einzelhandels, aber auch Flächen von Hotels und Büros. Diese Flächen finden sich vor allem in zentralen Lagen. Sie prägen dort die Lebendigkeit der öffentlichen Räume und tragen dazu bei, dass die Einwohner sich mit ihrer Stadt identifizieren können. Das Brachfallen dieser Flächen stellt daher eine Herausforderung besonderer Bedeutung dar. Können kulturelle, soziale und gesundheitliche Nutzungen die Lücken füllen ? Sind Wohnnutzungen generell sinnvolle Folgenutzungen ? Oder führt das Brachfallen zu einer so deutlichen Minderung der Mieten, dass die Flächen für neue Initiativen und „Start-up-Unternehmen“ oder sogar für die verloren gegangenen alten Nutzungen bezahlbar werden ?
  • Die Pandemie bewies, wie fragil globale Lieferketten in Zeiten der Unsicherheit sind. Manche Beobachter sehen daher die Möglichkeit, die lokale Produktion von Gütern auch innerhalb der Städte zu intensivieren und den Umfang des Güterverkehrs zu reduzieren. Eine kühne Perspektive, die sicherlich zu höheren Kosten der Produktion führt – und die zur Realisierung vermutlich unterstützender Maßnahmen einer aktiven Klimaschutzpolitik bedarf.
  • Die Sorge vor der Infektion schwächte die sozialen Kontakte vieler Menschen. Arbeitslosigkeit und Kurzarbeit wirken ähnlich. Umso wichtiger: Solidarisches Handeln war in Zeiten des „Lock-down“ vielfach und spontan in den Nachbarschaften und Wohnquartieren zu beobachten. Dies macht Mut, entsprechende Aktivitäten zu fördern – zum Beispiel durch Ausweitung der Programme der „Sozialen Stadt“ oder durch Digitalisierungszentren, die Digitalisierungsprojekte auf Quartiersebene unterstützen. Gemeinschaftliches Handeln bedarf zweifellos qualitätsvoller öffentlicher Räume. Ob ergänzend Wohngebäude eingehauste Vorzonen und begehbare Dachterrassen zur Aufnahme nachbarschaftlicher Aktivitäten bekommen sollten, bedarf wohl weiterer Erörterung.
  • Und schließlich: Die öffentliche Verwaltung bewies im Umgang mit der Pandemie ein hohes Maß an Flexibilität, bis hin zu einer stärkeren ressortübergreifenden Kooperation. Angesichts bekannter und unbekannter Herausforderungen in der Zukunft sind diese Qualitäten auszubauen. Die Aufgabenverteilung zwischen den öffentlichen Körperschaften und privatwirtschaftlich tätigen Unternehmen gilt es zu überprüfen und weiter zu entwickeln. Gesundheitsvorsorge als öffentliches Anliegen gewinnt in Zukunft erheblich an Bedeutung – und verlangt in vielen Wirtschaftsbereichen weitere Regulierungen.

Viele Herausforderungen, viele Fragen, interessante Ansätze zur Problemlösung: die Debatte zur „Post-Corona-Stadt“ verdient eine Fortsetzung !

Einen weiteren Beitrag hat Lorenz Rautenstrauch im Nachgang zum DASL-digital-Dialog  zum Thema „Stadt-Umland Wanderungen im Rhein-Main Gebiet in der Folge von Corona“ übersandt, den wir ebenfalls auf dieser Webseite veröffentlichen werden.

Dieter v.Lüpke  08.09.2020

25. September 2020 von Anke Kochenburger
Kategorien: Diskussion, Vortrag | Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert

Datenschutz ist uns wichtig!
Die Angaben, welche Sie im Kommentarformular eingeben, machen Sie auf freiwilliger Basis. Der Name wird später mit dem Kommentar angezeigt. Geben Sie keinen Namen an, wird später "Anonymous" angezeigt. Ihre E-Mailadresse ist für andere Besucher der Webseite nicht sichtbar. Mit dem Speichern des Kommentars wird Ihre IP-Adresse gespeichert. Das geschieht, damit wir Spam-Kommentare aussortieren können. Wir geben Ihre Daten nicht an Dritte weiter!
Mehr zu unseren Datenschutzeinstellungen können Sie hier lesen.


sieben − eins =