Nachlese zur Veranstaltung „Regional- und Stadtentwicklung“

Besser spät als nie. Daher hier noch die wesentlichen Ergebnisse unserer vorletzten Veranstaltung in Wiesbaden:

Fünf ausgewiesene Fachleute aus den Bereichen des Städtebaus und der Landesplanung waren am 10. Mai 2019 von unserer Landesgruppe eingeladen, ihre beruflichen Erfahrungen und Projekte beispielhaft in Kurzform zu präsentieren. Gertrudis Peters, stellvertretende Hauptgeschäftsführerin der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen (AKH), berichtete über das Projekt „Stadt-Land-Zukunft/Hessen 2040“. Markus Eichberger, Leiter des Unternehmensbereichs Stadtentwicklung der Nassauischen Heimstätte, hatte das Thema „Stadtentwicklungsplanung in Kooperation zwischen Kommune und örtlicher Wirtschaft: der Masterplan Offenbach 2030“ ausgewählt. Camillo Huber-Braun, Leiter des Stadtplanungsamtes Wiesbaden, referierte unter dem Titel „An der Schnittstelle zwischen Regional- und Stadtplanung – Impulse für ein neues Planungsverständnis in der Region Südhessen“. Torsten Becker, freischaffender Stadtplaner und Inhaber des Büros tobe.STADT, trug zum Thema „Stadtgrundriss und Stadtraum im zeitgenössischen Städtebau – Erleben wir eine Renaissance gründerzeitlicher Strukturen ?“ vor. Und last, but not least erörterte Alexander Gemeinhardt, Vorsitzender des Vorstands der Schader-Stiftung in Darmstadt, das Verhältnis von „Experten und Laien in Planungsprozessen – Annäherung an eine Verhältnisbestimmung“.

In der zusammenfassenden Diskussion gelang es trotz des breiten Themenspektrums und der knappen Zeit, wichtige Verknüpfungen und Erkenntnisse herauszuarbeiten: Die fehlende Übereinstimmung von Lebensbereichen und Umgriffen der Gebietskörperschaften (Gemeinhardt) ist Grund für die AKH, die Region FrankfurtRheinMain auch als politischen Handlungsbereich neu zu denken und Leitbilder und Methoden der Planung in Frage zu stellen (Peters), oder – für Südhessen – eine Bildung von drei Regionalstädten (Frankfurt, Wiesbaden und Darmstadt) zu erwägen, die an die Stelle einer Vielzahl von Gemeinden und einer komplexen Hierarchie von Planungsebenen treten könnten (Huber-Braun). Das Bestreben, in einer „Region der Eitelkeiten“ (Huber-Braun) Kraft für grundlegende Neuerungen zu gewinnen, war indes trotz zahlreicher Initiativen in langen Jahrzehnten erfolglos. Den Bürger in Zukunftswerkstätten zu beteiligen (Peters) oder den Laien nicht als Konsumenten und Opfer von Planungsentscheidungen, sondern als Wähler und „Eigentümer“ von Ideen und Problemen wahrzunehmen (Gemeinhardt), erscheint als alternativlos, bürgt aber nicht für den Erfolg tiefgreifender Reformen. Vor diesem Hintergrund sind Überschreitungen traditioneller Denkansätze erwägenswert. Das Beispiel des Masterplanprozesses der Stadt Offenbach zeigt, dass neue Kooperationen positive Entwicklungen befördern können, auch wenn die enge Kooperation von Städten und örtlicher Wirtschaft in der Stadtentwicklung als unerlaubte „Grenzüberschreitung“ betrachtet werden kann. Offenbacher Gewerbebetriebe initiierten einen Prozess der Stadtentwicklungsplanung, der im Zeitraum von 2012 bis 2016 zur Definition und Beschlussfassung von zehn Schlüsselprojekten führte. Zugleich wurde das Verständnis etabliert, dass Stadtentwicklungsplanung ein andauernder Prozess ist, was in Offenbach in der Einrichtung eines Beirates und in der jährlichen Berichtspflicht der Stadtverwaltung deutlich wird (Eichberger).
Mit der Länge von Planungszeiträumen wachsen Umfang und Tiefe der Veränderungen, die in den Blick genommen werden können. Entsprechend fragt die AKH, „wie wir im Jahre 2040 leben wollen“ (Peters). Für derart ferne Zeitpunkte Leitbilder aus dem 19. Jahrhundert zu propagieren, ist grundsätzlich nicht auszuschließen. Bilder dicht bebauter und gemischt genutzter Gründerzeitquartiere sind populär. Daraus abgeleitete Planungsgrundsätze bedürfen jedoch der kritischen Überprüfung, Korrektur und Ergänzung. „Urbaner Städtebau“ sollte nicht als Wiederholung der Gründerzeit verstanden werden (Becker).

Die Konzeption der Fachveranstaltung erlaubte es nicht, die von den Referenten skizzierten Thesen in der angemessenen Tiefe zu reflektieren. Die von ca. 30 Teilnehmern relativ gut besuchte Fachveranstaltung machte aber mit den Unterschieden der vorgetragenen Perspektiven und Handlungsebenen beispielhaft deutlich, wie breit und vielfältig die Themen und Interessen der Deutschen Akademie für Städtebau und Landesplanung sind.

Text: Dieter von Lüpke

23. Juni 2019 von ESchuetz
Kategorien: Akademie, Bürgerbeteiligung, Diskussion, Regionalentwicklung, Städtebau, Stadtentwicklung, Vortrag | Schlagwörter: , , , | Schreibe einen Kommentar

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