Ökologische und soziale Transformation von Wohnquartieren

Nachlese zum 5. DASL-digital-Dialog der Landesgruppe Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland am 26.2.2021

Die Landesgruppe Hessen, Rheinland-Pfalz und Saarland konzentriert sich im Jahr 2021 auf das Thema „Transformation im Bestand“. Dies mit dem Ziel, neue Erkenntnisse über die zum Klimaschutz und zur Klimaanpassung notwendige Qualifizierung bestehender Stadtquartiere und Gebäude zu gewinnen. Parallel arbeiten die anderen Landesgruppen der DASL an anderen „Hoffnungsthemen“ – Projekten, die Hoffnung für das Gelingen der Klimapolitik geben. Eine Präsentation aller  Arbeitsergebnisse soll ein wichtiger Bestandteil der Jahrestagung 2022 der DASL sein.

Die erste von insgesamt vier digitalen Fachveranstaltungen fand am 26.2.2021 mit dem Titel „Ökologische und soziale Transformation von Wohnquartieren“  statt.

Zunächst berichtete Dieter v.Lüpke  über neue Rahmenbedingungen für die Planung. Das neue Bundes-Klimaschutzgesetz setzt für insgesamt sechs Sektoren Ziele für die Minderung der Emission klimaschädlicher Gase fest.  Im Jahr 2030 müssen die Emissionen im Sektor „Gebäude“  auf  maximal ca. 41 % des Volumens des Jahres 2020 begrenzt werden. Ähnliche Einsparziele für den  Sektor  „Industrie“  betreffen die Bauwirtschaft.

Auch gibt es Interdependenzen mit den Sektoren „Energiewirtschaft“, „Verkehr“, „Landwirtschaft“ und „Abfallwirtschaft“ und deren Einsparzielen. Das Gesetz etabliert einen Kontroll- und Nachjustierungsmechanismus. Jährlich hat das Bundesumweltamt die tatsächlichen Emissionsmengen zu kalkulieren. Überschreiten diese die zulässigen Emissionsmengen, so hat das jeweils zuständige Bundesministerium unter Berücksichtigung einer Stellungnahme des neu berufenen „Expertenrats für Klimafragen“ ein Sofortprogramm der Bundesregierung vorzulegen, das die Einhaltung der zulässigen Emissionsmengen für die Folgejahre sicherstellt. Maßnahmen zum Klimaschutz finden sich in einer Vielzahl anderer Gesetze, wobei das neue Brennstoffemissionshandelsgesetz von zentraler Bedeutung ist. Ergänzend zum EU-weiten Emissionshandel werden seit Anfang 2021 die wichtigsten Brennstoffe mit Abgaben  belegt : ausgehend von 25 Euro pro Tonne CO2 steigt die Abgabe auf 55 Euro im Jahre 2025, um danach  die Höhe der Abgaben mittels Versteigerung von Zertifikaten zu bestimmen.

Die Aufgabe der energetischen Ertüchtigung des vorhandenen Gebäudebestands ist groß. So wurden z.B. von den ca. 19 Mio. Wohngebäuden in Deutschland  ca. 64 % vor 1979 und damit vor Inkrafttreten der ersten Wärmeschutzverordnung gebaut. Alleine auf die Baualtersgruppe 1949 bis 1978 entfallen 37 % des Gesamtbestands an Wohngebäuden – und diese Baualtersgruppe besitzt  mit 208 kWh pro qm  Wohnfläche und Jahr den höchsten Endenergieverbrauch aller Altersgruppen.

Maren Harnack beschrieb Qualitäten, Defizite und Potenziale der Wohnsiedlungen der Nachkriegszeit. Gerade vor dem Hintergrund der verbreiteten Wertschätzung der Strukturen des gründerzeitlichen Städtebaus lohnt ein vertiefter Blick auf diese Siedlungen. Sie verfügen in der Regel  über ein ruhiges, sicheres und grünes Wohnumfeld, das große Umbaupotenziale im Sinne der Nachverdichtung, aber auch zur Erhöhung der „Resilienz“  in Bezug auf Klimaveränderungen besitzt. Wenige große Gesellschaften als Eigentümer schützen vor Eigenbedarfsklagen und erleichtern ein Quartiersmanagement. Verblüffend sind Parallelen zwischen damals realisierten und heute neu entdeckten Strukturen – so bezüglich großer Quartiersgaragen oder der Verkehrsberuhigung großer Bereiche. Dass Großsiedlungen sich oft durch niedrige Motorisierung,  geringe Inanspruchnahme von Wohnfläche oder niedrige Mieten auszeichnen, dürfte indes weniger dem städtebaulichen Konzept als vielmehr den Eigentumsverhältnissen, der Finanzierung  und dem Baualter geschuldet sein.

Die Präsentation von drei Um- (und Neu-)bauprojekten folgte. Michael Denkel erläuterte, dass in der Heinrich-Lübke-Siedlung in Frankfurt am Main ( in den 70èr Jahren des letzten Jahrhunderts fertiggestellt ) von 2009 bis 2016 insgesamt 600 Wohnungen des ersten Förderungswegs  mit einer BGF von 53.000 qm erneuert wurden, wobei nur wenige  Neubauten ergänzt wurden. Die energetische Ertüchtigung – unter anderem durch ein Blockheizkraftwerk mit Nahwärmenetz  – führte zu einer Einsparung des Gesamtenergiebedarfs um ca. 70 % des Ausgangswertes. Die Erneuerung der Siedlung wurde ganzheitlich realisiert und umfasste auch die Außenanlagen, die Ausrichtung und Gestaltung der Hauseingänge, die Fenster und Balkone der Wohnungen und die Fassaden, die Quartiersgarage und das Ladenzentrum. Die Kosten der Modernisierung hätten eine Mieterhöhung um 2,20 Euro pro qm erlaubt – realisiert wurden von der städtischen ABG Frankfurt Holding jedoch lediglich 0,80 Euro, was etwa der Einsparung der Nebenkosten entspricht.

In der Fritz-Kissel-Siedlung ebenfalls  in Frankfurt am Main  stockt die Nassauische Heimstätte Zeilenbauten der 50èr Jahre des letzten Jahrhunderts durch Holzmodule auf. Diese werden – wie Monika Fontaine-Kretschmer berichtete – in einer Feldfabrik produziert und per Tieflader zur Baustelle gefahren. Die Beeinträchtigung der Bewohner der Bestandswohnungen ist daher zeitlich eng begrenzt. Ziel ist die Gewinnung von 5.000 qm Wohnfläche, wobei ein Drittel öffentlich gefördert wird. Während die neu gebauten Wohnungen mit Hilfe von Wärmedämmung, Wärmepumpen und Solarenergie einen geringen Bedarf an nicht erneuerbaren Energien haben, wurde auf Wunsch der Stadt Frankfurt auf eine energetische Ertüchtigung der Bestandswohnungen verzichtet. Der Gewinn für die bisherigen Bewohner der Siedlung beschränkt sich auf Verbesserungen der Außenanlagen, Schönheitsreparaturen der Fassaden und Brandschutzmaßnahmen.

Andere Akzente setzt das Projekt PassivhausSolarPlus, das von der gemeinnützigen Wohnraumhilfe in Darmstadt 2019 fertiggestellt wurde. Die insgesamt ca. 3.100 qm BGF verteilen sich etwa hälftig auf einen Altbau und einen Neubau. Die 42 Sozialwohnungen werden intensiv genutzt, die durchschnittliche Wohnfläche pro Kopf beträgt nur 25 qm. Zentrale Ziele waren hohe Einsparungen nicht erneuerbarer Energien und die Reduktion der Nebenkosten. Mit Hilfe öffentlicher Förderung und eines ganzheitlichen  Maßnahmenkonzepts  wurden diese Ziele erreicht. So liegen die Nebenkosten pro qm Wohnfläche und Monat – trotz der hohen Wohndichte – bei 1,81 Euro und damit bei 50 % des Durchschnittswerts für Darmstadt. Das Konzept geht in seinen Maßnahmen über übliche Standards hinaus, indem unter anderem Grauwasser genutzt wird, der Energieeinsatz bei der Beleuchtung und bei Haushaltsgeräten minimiert wird und indem der Energie- und Wasserverbrauch ohne Einschaltung von Ablesediensten laufend beobachtet und den Bewohnern rückgemeldet wird.

Am Schluss eine Erfahrung, die alle drei Projekte miteinander verbindet: Akzeptanz auch für umfangreiche Baumaßnahmen auch innerhalb der Wohnungen kann auch in heutigen Zeiten  hergestellt werden, wenn frühzeitig informiert wird, wenn kompetente Ansprechpartner vor Ort sind, wenn verlässliche Aussagen gemacht werden – und wenn ein Mehrwert für die betroffenen Bewohner entsteht !

Dieter v.Lüpke  9.3.2021

23. März 2021 von Anke Kochenburger
Kategorien: Diskussion, Klimaschutz, Vortrag, Wohnen | Schreibe einen Kommentar

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